Rencontre et développement – CCSA, Algier
Afrikanische Migration in den Mittelmeerraum
Ich beginne diesen Text mit einer ziemlich traurigen Feststellung: Die Europäische Union ist dabei, durch ihre harte und nicht immer angemessene Politik ihre südliche Grenze nach Nordafrika zu verlagern. Schlimmer noch, aufgrund von Ignoranz oder Verachtung macht sie sich kaum Gedanken über das Unglück, das sie dabei verursacht.
Nordafrika und weitgehend der ganze südliche Rand des Mittelmeers ist in den letzten beiden Jahren zu einer "Sackgasse" geworden, wo die meisten Migrantinnen und Migranten, die aus Schwarzafrika kommen, jedes nur mögliche und denkbare Elend erleiden. Weil sie die "Sünde" begangen haben, eines Tages die Entscheidung zu treffen, anderswo nach Möglichkeiten für ihren Lebensunterhalt zu suchen, vor Elend und Konflikten aller Art zu fliehen, um sich selbst und ihren Familien zu helfen.:
"Ich habe meine Mutter verlassen, weil ich nicht mehr für ihren Unterhalt und den meiner Brüder und Schwester sorgen konnte", sagt eine Kongolesin "und ich habe sie beruhigen können, als ich ihr sagte, ich müsste nur versuchen, im Ausland zurecht zu kommen und könnte dann meine Familie ernähren."
"Mein Vater wurde von Männern der Regierung gekidnappt und meine Mutter hat keinerlei Ausbildung. Angesichts der Drohungen bewaffneter Rebellen sah ich mich gezwungen, unser Land zu verlassen und zu fliehen, um woanders Arbeit zu suchen, damit ich meine Mutter, meine Frau und Kinder, die irgendwo in Guinea sind, zu verlassen", erzählt mir ein junger Liberianer.
Sie kommen praktisch vom gesamten schwarzen Kontinent. Einige treffen die Entscheidung, sich nach Algerien und Marokko zu begeben. Andere versuchen ihr Glück in Libyen, weil sie von den libyschen Petrodollars gehört haben. Die Ostafrikaner halten den Weg nach Ägypten und den Mittleren Orient für kürzer, wobei der Mittlere Orient schon von asiatischen Migranten überschwemmt wird. Auf jeden Fall geschieht es nicht selten, dass in Algier Personen aus dem Osten aufgenommen werden, die über Ägypten, Libyen und dann Tunesien gekommen sind.
Wenn sie die Entscheidung treffen, ihr Land zu verlassen, haben sie nicht unbedingt als erstes im Kopf, nach Europa zu gelangen. Sie wollen nur einen Ort in der Welt finden, der ihnen und den Ihren eine angemessene Zukunft bietet, das heißt eine Zukunft, die ihr eigenes Land ihnen vielleicht niemals wird gewähren können. Nicht vergessen werden darf, dass unter ihnen eine gewisse Anzahl ist, vielleicht ist es die Minderheit, deren Sicherheit in ihrem Land wirklich bedroht ist.
Sie schlagen also nicht systematisch den Weg zu den Mittelmeerländer ein. Selbst wenn sie auf ihrem Weg in mehreren Ländern Halt gemacht haben, weil sie glaubten, sich dort niederlassen zu können und eine angemessene Arbeit zu finden, sind sie jedes Mal enttäuscht worden, weil sie dort dieselben harten Bedingungen oder noch härtere als in ihrem eigenen Land gefunden haben. Dann reift der Plan, in die Mittelmeerländer zu gehen. Dieser "große See", um einen Begriff von Yasser Arafat aufzugreifen, ist von mächtigen und blühenderen Ländern umgeben als unser eigenes, und seien es auch nur die am südlichen Mittelmeerrand, die uns eine bessere Zukunft bieten werden als unser eigenes Land.
Diejenigen, die nach Nordafrika gehen, wagen sich mit sehr viel Mut an die Durchquerung der Sahara, dieser weiten, ausgedörrten und ungastlichen Wüste.
"Großer Bruder, wir sterben in dieser Wüste und niemanden kümmert das", erzählt mir ein junger Mann von der Elfenbeinküste, der des Lebens überdrüssig ist. "Leute sehen sich gezwungen, ihre Freunde zu bitten, in ihren Mund zu urinieren, damit sie wenigstens etwas zu trinken haben."
Ein Kongolese sagt mir: "Wir sind in der Libyschen Wüste an zwei mit Gepäck überladenen Lastwagen vorbei gekommen. Um sie herum lagen menschliche Skelette."
Ein Nigerianer erzählt: "Ich glaube nicht, dass ich zu leben verdiene: Wir waren 18 Leute und wir haben unsere Schwester (so werden alle Frauen aus dem gleichen Herkunftsland genannt) aus Angst vor der algerischen Polizei und Armee im Stich gelassen. Sie war in einen Brunnen gefallen und hatte sich die Wirbelsäule gebrochen. Sie schrie so laut..."
Sie erreichen endlich die Küste des südlichen oder östlichen Mittelmeers, wo es einigen gelingt sich einzurichten und sich zu integrieren, aber zum Preis enormer Anstrengungen und mit Hilfe und Unterstützung jeglicher Art. Sie sind zu müde, um die Reise fortzusetzen und geben sich mit dem wenigen zufrieden, was diese Länder ihnen anbieten. Es ist etwas mehr als sie zuhause haben, was Lebensunterhalt und Sicherheit angeht. Aber in diesem Stadium haben viele andere schon nach einigen Wochen begriffen, dass sie von den Gesellschaften des Maghreb oder des Machrek nichts zu erwarten haben und ihr Ziel ist von da an Europa.
Welches Europa? Das Europa, das viel Geld an die Regierungen des Südens schickt und die Machthaber unterstützt. Europa, von dem man hört, dass alle dort frei sind zu tun, was sie wollen, zu arbeiten, wo sie wollen. Das Europa aus dem Fernsehen, sein glitzernder Reichtum, und vor allem das Europa, wo alle Freunde und Verwandten, die schon dort sind, Handys haben und über Western Union schöne Geschenke und viel Geld schicken. Da also ist das gelobte Land, also der Ort, den man mit allen Mitteln erreichen muss. Und im übrigen, die Tatsache, dass es so viele Hindernisse gibt, die die Leute daran hindern sollen, dorthin zu gehen (fehlende Erteilung von Visa in den Ländern des Südens, gewaltsame polizeiliche Repression, etc.) beweist sehr wohl, dass dort ein großer Schatz versteckt sein muss!
Die Robusten schaffen sich schnell ein kleines finanzielles Polster über kleine Gelegenheitsjobs, wo sie überausgebeutet werden, aber das ist nicht schlimm, sie sind nicht hier, um sich niederzulassen, das ist nur eine Transitstation für sie.
Die aus Algier zum Beispiel gehen in Richtung Oran, ihr Aufenthalt dort ist nur kurz, auf jeden Fall haben sie keine Lust, den Algeriern, die von dort aus nach Spanien gehen, Konkurrenz zu machen. Das Netz dort gehört den Algeriern, die sicher einen "Stau", der von den Schwarzafrikanern verursacht wird, nicht hinnehmen würden. Und diese entdecken, dass auch Bevölkerungsgruppen der nordafrikanischen Mittelmeerländer weggehen wollen, dass vielleicht sogar mehr als sie selbst illegal ausreisen wollen. Und dann haben die Einheimischen auch zumindest den Vorteil, dass sie gültige Visa bekommen, die sie benutzen, um länger in Europa zu bleiben, als das Visum erlaubt. Aber das ist nicht ihre Sorge. Sie bezahlen Schlepper und werden nach Marokko gebracht.
In Marokko, wo das Überwinden der Mauern von Ceuta oder Melilla durch beträchtliche Geldmittel aus Europa praktisch unmöglich gemacht wurde: Kameras, automatische Detektoren, Projektoren etc., sind sie in der Falle. Sie stehen alleine Aggressionen und Demütigungen aller Art und der Repression gegenüber:
"Mein Mann, der versuchte mich zu beschützen, wurde geschlagen und ist vor unseren Augen gestorben," erzählt mir eine Frau aus Kamerun, die sehr viel Mut zeigte, aber ihre Tränen nicht zurückhalten konnte.
Eine Kongolesin berichtet: "Einer Freundin wurde die Gebärmutter von sechs Personen übel zugerichtet. Sie vergewaltigten sie von aller Augen. Sie wird niemals mehr Kinder haben können."
"Nachdem unser Versuch gescheitert war, die Mauer von Ceuta zu überwinden, erzählt mir ein Nigerianer, hat uns die marokkanische Gendarmerie ausfindig gemacht. Sie haben diejenigen, die versucht haben sich zu wehren, vollkommen nackt ausgezogen und sie verprügelt, nachdem sie sie in Pfützen von eiskaltem Wasser geworfen hatten. Nach kurzer Haft beschloss ein Richter, ohne uns anzuhören, dass wir alle illegal sind und dass wir deshalb alle wieder nach Hause abgeschoben werden. Und eine Nacht später wurden wir nachts an die algerische Grenze zurückgeführt."
Auf der algerischen Seite wird eher zügig gearbeitet: Die Polizei schiebt regelmäßig massenweise Personen nach Mali oder Nigeria ab, aber beide Länder nehmen nur noch ihre eigenen Staatsangehörigen auf. In Tunesien werden die Leute in die libysche Wüste zurückgeführt. Ob sie dort leben können oder sterben werden, interessiert niemanden, vor allem nicht die Behörden, die für diese Beschlüsse verantwortlich sind. In Libyen sind die Behörden sogar vollkommen gleichgültig gegenüber einem nie da gewesenen Anstieg von Xenophobie, die auch zu Massakern an Ausländern führt. Im Libanon finden sich die sans-papiers in regelmäßigen Abständen in den Gefängnissen wieder wegen fehlender Papiere.
Kurz: Es geschehen schreckliche Dinge im Namen der von der Europäischen Union aufgezwungenen Härte, im Namen des Schutzes und des Wohlergehens der europäischen Bevölkerung, im Namen der Verteidigung der Festung Europa.
Aber bei all dieser Verzweiflung kommen die Dinge in Bewegung, verändern sich in die richtige Richtung. Ganz langsam... Die Medien in diesen sogenannten Transitländern, die bewusst oder ängstlich das Phänomen lange ignoriert haben, fangen allmählich an, offen davon zu sprechen. Wir organisieren Treffen zu diesem Thema der Migration, wozu wir einige Repräsentanten der maghrebinischen Zivilgesellschaft (Professoren, Lehrer, Juristen, Studenten...) einladen und mit ihnen die öffentliche Meinung sensibilisieren wollen. Wir wagen es, die politischen Autoritäten um Termine zu bitten, um das Phänomen mit ihnen zu diskutieren, vor einiger Zeit wäre das noch unmöglich gewesen.
Im Libanon stellen die Behörden jedes Jahr eine beträchtliche Prozentzahl von Arbeitserlaubnissen für Migranten aus. Anderswo (vor allem in Marokko und Algerien) beginnt der UNHCR damit, bei den Behörden wirklich um die Anerkennung des Asyls durch die einzelnen Länder nachzusuchen. Wir arbeiten in enger Zusammenarbeit mit den NGO des Nordens (CCFD, Caritas, um nur die zu nennen, die mit sichtbarem Interesse die Entwicklung der Situation verfolgen und den wirklichen Willen haben, sich an der Entwicklung der Regionen zu beteiligen, die im Süden am meisten von der Armut betroffen sind) darauf hin, dass die Menschen gefördert werden und ihre Würde geachtet wird.
Abschließend möchte ich sagen, dass Europa nicht denken soll, dass die Abschottung seiner Grenzen ausreicht, um seine Probleme bezüglich der illegalen Einwanderung zu lösen. Denn es gibt einige, die sich jetzt dazu die Hände reiben und die jedes Interesse daran haben, dass Europa diese extremen Positionen einnimmt: das sind die Mafias aller Arten, diese Leute ohne Gesetz und Glauben, die Spezialisten für den Menschenhandel. Europa wird nur wenig dagegen unternehmen können: die Unterschiede im Lebensstandard zwischen dem Norden und dem Süden sind zu groß, das erzeugt den riesigen Magneteffekt, den Europa für die Dritte Welt hat, und der so groß und für lange Zeit bleiben wird. Die Kapitalflucht aus der Dritten Welt in den Westen hat noch nicht aufgehört und es ist erstaunlich, dass Europa beschlossen hat, eine der einfachsten ökonomischen Regeln zu ignorieren: da, wo das Kapital weggeht, verschwinden auch die Arbeitsplätze und da wo das Kapital sich niederlässt, werden Stellen geschaffen.
Ich war zu einem Empfang der Vereinten Nationen in Algier eingeladen und ich werde für immer die Überlegungen des Leiters des PAM (Welternährungsprogramm) in Erinnerung behalten: In den alten Zeiten wanderten die Bevölkerungen im urtümlichen Afrika, indem sie den Bewegungen der Herden folgten, die selbst nach den Weiden suchten, die ihnen passten. Jetzt laufen die Leute hinter der Arbeit her, um die Ihren zu ernähren. Sie werden nach Arbeit und nach Wohlergehen suchen, da wo sich beides versteckt und selbst wenn das Tausende von Kilometern von zuhause entfernt sein sollte.
Anhang: Einige Zahlen
Januar 2001
B. Kabala