Aus: Kurdistan-Rundbrief, Nr. 2, Jg. 13, 26.1.2000

                "Sie haben Feuer auf meiner Hand gemacht" - Folter in der Türkei

           Seit drei Jahren sitzt eine junge kurdische Mutter im Gefängnis Gebze aufgrund von Aussagen, die
           sie angesichts der Folter an ihrem damals zweijährigen Sohn gemacht hatte. Eine Freilassung ist
           nicht in Sicht. Özgür Politika veröffentlichte am 13. Januar den folgenden Bericht.

           Azad Tokmak ist in der Türkei der Jüngste, der gefoltert worden ist. Vor ca. 3 Jahren, als er
           gerade 2 1/2 Jahre alt war, wurde er nach einer Hausdurchsuchung zusammen mit seiner Mutter
           Fatma Tokmak festgenommen. In der Anti-Terror-Abteilung des Polizeipräsidiums Istanbul blieb
           er 12 Tage.

           Seine Mutter wurde schwer gefoltert, um sie für einige Vergehen verantwortlich zu machen. Sie
           wurde auf die Fußsohlen geschlagen, an den Armen aufgehängt, erhielt Elektroschocks und wurde
           sexuell misshandelt. Aber sie hat keine Beschuldigung akzeptiert.

           All das passierte vor seinen Augen. Da seine Mutter nichts 'sagte', folterten sie Azad. Sie zogen
           ihn nackt aus und fingen an, ihn zu verprügeln. Sofort danach machten sie zigmal Zigaretten auf
           seinen Händen aus. (...)

           Seine Mutter, die gegen die eigene Folter Widerstand leistete, ertrug die Folter an ihrem kleinen
           Sohn nicht. Sie akzeptierte alles, was man ihr vorwarf, und nahm dafür eine hohe Strafe in Kauf.

                                     Die Folter wurde dokumentiert

           Es schien erst so, als ob der 12tägige Alptraum für Mutter und Sohn mit der Überstellung zum
           Staatssicherheitsgericht von Fatma Tokmak beendet war, aber damit begann ein neuer, anhaltender
           Alptraum.

           Als die Mutter ins Gefängnis in Gebze kam, blieb der kleine Azad zunächst bei seinem Onkel
           Osman Bozkurt. Aufgrund seiner durch die Folter hervorgerufenen psychischen Störungen kam er
           für einige Zeit in ein Kinderheim. Danach wurde er wieder zu seinem Onkel geschickt.

           Währenddessen wurde in einer medizinischen Untersuchung einer Kommission der Ärztekammer
           Istanbul festgestellt, dass auf Azads Händen Zigaretten ausgedrückt wurden und dass er davon
           psychisch beeinträchtigt ist. Das wurde in einem Gutachten festgehalten.

                            Er war ein Beispiel auf einem Kongress in den USA

           Die Verantwortlichen des Staates interessierten sich nicht für die Folter, der Azad ausgesetzt war.
           Obwohl das Thema in der Presse stand, hat es kein einziger Abgeordneter ins Parlament gebracht.
           Jedoch ist das, was dem kleinen Azad angetan wurde, auf einem Kongress in Amerika, der die
           Situation von gefolterten Kindern zum Thema hatte, auf einer Versammlung als Fallbeispiel
           diskutiert worden.

           Azads Anwältin Eren Keskin hat mit dem von der Kommission der Ärztekammer erstellten
           Gutachten sowohl für Fatma Tokmak, als auch für Azad Strafanzeige gegen die folternden
           Polizisten bei der Staatsanwaltschaft der Republik in Fatih (Stadtteil von Istanbul, dÜ) erstattet.
           Dieser wurde vom Staatsanwalt nicht nachgegangen. Aufgrund der Beschwerde der
           Rechtsanwältin hat das 1. Schwurgericht in Beyoglu (Stadtteil in Istanbul, dÜ) festgestellt, dass
           die Untersuchung der Staatsanwaltschaft unzureichend war und eine neue Untersuchung
           angeordnet. In dem Gerichtsbeschluss wurde weiterhin angeordnet, Azad an die Gerichtsmedizin
           zu überweisen, um die Spuren von Brandwunden feststellen zu lassen. Nachdem ein ganzes Jahr
           nach dem Gerichtsbeschluss vergangen war, wurde Azad für Januar 2000 zur Gerichtsmedizin
           bestellt.

                                       Ich war damals ein Baby

           Inzwischen sind 3 Jahre vergangen. Der kleine Azad ist älter geworden. Er ist jetzt 5 1/2 Jahre alt.
           Er erinnert sich an einen großen Teil von dem, was er in Polizeihaft erlebt hat, nicht. Er sagt "Ich
           war damals ein Baby". Einen Teil der Fragen will er auch nicht beantworten. Er erinnert sich an
           die Vernehmung in Polizeihaft, er gerät in Panik. Er antwortet mit "Ich weiß nicht, ich erinnere
           mich nicht."

           Die Hausdurchsuchung erzählt er folgendermaßen: "Die Tür war offen. Sie kamen herein. In ihren
           Händen hatten sie Waffen. Danach brachten sie uns in ein Auto." Als er über das in Polizeihaft
           Erlebte spricht, wird er unruhig und umarmt seinen Onkel:

           "Sie haben meine Mutter ausgezogen. Sie schlugen sie, sie schrie." Der kleine Azad, dem sie auch
           die Augen verbanden, erzählt weiter: "Die Polizisten zogen mich auch aus. Sie schlugen mich.
           Danach machten sie Feuer auf meinen Händen. Sie drückten ihre Zigaretten aus. Meine Mutter
           weinte und ich weinte auch.

           Sie brachten meine Mutter weg. Sie ließen mich nicht zu ihr. Ich blieb bei den Polizisten. In ihren
           Händen waren Knüppel und eine Pistole. Gleichzeitig schrien sie. Ich hatte große Anst."

           Der kleine Azad hängt sehr an seiner Mutter, die immer noch im Gefängnis ist. Er besucht sie jede
           Woche. Manchmal bleibt er wochenlang bei ihr. Danach ist er dann bei seinem Onkel. Er war jetzt
           wieder zwei Wochen im Gefängnis und ist vorige Woche herausgekommen. Auch seine Freunde
           sind andere, als die seiner Altersgenossen. Seine beste Freundin ist eine Freundin seiner Mutter
           im Gefängnis, die Freundin Dilek. Sie mag er am meisten. Wenn er groß ist, will er Arzt werden,
           um die Kinder zu heilen.

           Er wünscht sich mit seiner über alles geliebten Mutter eng umschlungen zu schlafen, mit ihr
           Verwandte zu besuchen und durch die Straßen zu laufen. Auf die Frage 'Warum machst du das
           nicht?' antwortet er: 'der Staat lässt sie nicht raus.'

           Am 14.1.00 hat seine Mutter Verhandlung vor dem Staatssicherheitsgericht Nr.3 in Istanbul. Da
           sie kein türkisch kann, wird sie ihre Aussage auf kurdisch mittels eines vom Kurdischen Institut
           geschickten Dolmetscher machen. Azad wird sie bei der Verhandlung nicht alleine lassen. Er sagt:
           'sie sollen endlich meine Mutter freilassen.'

           Nachtrag: Laut ÖP vom 15.1. hatte sich ihre Anwältin lange darum bemüht, dass Fatma Tokmak
           ihre Aussage vor Gericht auf kurdisch machen kann. Dies wurde drei Jahre lang abgelehnt,
           weshalb sie nicht die Möglichkeit hatte, sich vor dem Staatssicherheitsgericht zu verteidigen. Bei
           der Verhandlung am 14.1. hat Fatma Tokmak nun vor Gericht über die Folter berichtet, die ihr und
           ihrem Sohn angetan worden war. Ihre Anwältin forderte die Freilassung, das Gericht lehnte
           jedoch ab.

           (I., Quelle: ÖP)