"Sie haben Feuer auf meiner Hand gemacht" - Folter in der Türkei
Seit drei
Jahren sitzt eine junge kurdische Mutter im Gefängnis Gebze aufgrund
von Aussagen, die
sie angesichts
der Folter an ihrem damals zweijährigen Sohn gemacht hatte. Eine Freilassung
ist
nicht
in Sicht. Özgür Politika veröffentlichte am 13. Januar den
folgenden Bericht.
Azad Tokmak
ist in der Türkei der Jüngste, der gefoltert worden ist. Vor
ca. 3 Jahren, als er
gerade
2 1/2 Jahre alt war, wurde er nach einer Hausdurchsuchung zusammen mit
seiner Mutter
Fatma
Tokmak festgenommen. In der Anti-Terror-Abteilung des Polizeipräsidiums
Istanbul blieb
er 12
Tage.
Seine Mutter
wurde schwer gefoltert, um sie für einige Vergehen verantwortlich
zu machen. Sie
wurde
auf die Fußsohlen geschlagen, an den Armen aufgehängt, erhielt
Elektroschocks und wurde
sexuell
misshandelt. Aber sie hat keine Beschuldigung akzeptiert.
All das
passierte vor seinen Augen. Da seine Mutter nichts 'sagte', folterten sie
Azad. Sie zogen
ihn nackt
aus und fingen an, ihn zu verprügeln. Sofort danach machten sie zigmal
Zigaretten auf
seinen
Händen aus. (...)
Seine Mutter,
die gegen die eigene Folter Widerstand leistete, ertrug die Folter an ihrem
kleinen
Sohn nicht.
Sie akzeptierte alles, was man ihr vorwarf, und nahm dafür eine hohe
Strafe in Kauf.
Die Folter wurde dokumentiert
Es schien
erst so, als ob der 12tägige Alptraum für Mutter und Sohn mit
der Überstellung zum
Staatssicherheitsgericht
von Fatma Tokmak beendet war, aber damit begann ein neuer, anhaltender
Alptraum.
Als die
Mutter ins Gefängnis in Gebze kam, blieb der kleine Azad zunächst
bei seinem Onkel
Osman
Bozkurt. Aufgrund seiner durch die Folter hervorgerufenen psychischen Störungen
kam er
für
einige Zeit in ein Kinderheim. Danach wurde er wieder zu seinem Onkel geschickt.
Währenddessen
wurde in einer medizinischen Untersuchung einer Kommission der Ärztekammer
Istanbul
festgestellt, dass auf Azads Händen Zigaretten ausgedrückt wurden
und dass er davon
psychisch
beeinträchtigt ist. Das wurde in einem Gutachten festgehalten.
Er war ein Beispiel auf einem Kongress in den USA
Die Verantwortlichen
des Staates interessierten sich nicht für die Folter, der Azad ausgesetzt
war.
Obwohl
das Thema in der Presse stand, hat es kein einziger Abgeordneter ins Parlament
gebracht.
Jedoch
ist das, was dem kleinen Azad angetan wurde, auf einem Kongress in Amerika,
der die
Situation
von gefolterten Kindern zum Thema hatte, auf einer Versammlung als Fallbeispiel
diskutiert
worden.
Azads Anwältin
Eren Keskin hat mit dem von der Kommission der Ärztekammer erstellten
Gutachten
sowohl für Fatma Tokmak, als auch für Azad Strafanzeige gegen
die folternden
Polizisten
bei der Staatsanwaltschaft der Republik in Fatih (Stadtteil von Istanbul,
dÜ) erstattet.
Dieser
wurde vom Staatsanwalt nicht nachgegangen. Aufgrund der Beschwerde der
Rechtsanwältin
hat das 1. Schwurgericht in Beyoglu (Stadtteil in Istanbul, dÜ) festgestellt,
dass
die Untersuchung
der Staatsanwaltschaft unzureichend war und eine neue Untersuchung
angeordnet.
In dem Gerichtsbeschluss wurde weiterhin angeordnet, Azad an die Gerichtsmedizin
zu überweisen,
um die Spuren von Brandwunden feststellen zu lassen. Nachdem ein ganzes
Jahr
nach dem
Gerichtsbeschluss vergangen war, wurde Azad für Januar 2000 zur Gerichtsmedizin
bestellt.
Ich war damals ein Baby
Inzwischen
sind 3 Jahre vergangen. Der kleine Azad ist älter geworden. Er ist
jetzt 5 1/2 Jahre alt.
Er erinnert
sich an einen großen Teil von dem, was er in Polizeihaft erlebt hat,
nicht. Er sagt "Ich
war damals
ein Baby". Einen Teil der Fragen will er auch nicht beantworten. Er erinnert
sich an
die Vernehmung
in Polizeihaft, er gerät in Panik. Er antwortet mit "Ich weiß
nicht, ich erinnere
mich nicht."
Die Hausdurchsuchung
erzählt er folgendermaßen: "Die Tür war offen. Sie kamen
herein. In ihren
Händen
hatten sie Waffen. Danach brachten sie uns in ein Auto." Als er über
das in Polizeihaft
Erlebte
spricht, wird er unruhig und umarmt seinen Onkel:
"Sie haben
meine Mutter ausgezogen. Sie schlugen sie, sie schrie." Der kleine Azad,
dem sie auch
die Augen
verbanden, erzählt weiter: "Die Polizisten zogen mich auch aus. Sie
schlugen mich.
Danach
machten sie Feuer auf meinen Händen. Sie drückten ihre Zigaretten
aus. Meine Mutter
weinte
und ich weinte auch.
Sie brachten
meine Mutter weg. Sie ließen mich nicht zu ihr. Ich blieb bei den
Polizisten. In ihren
Händen
waren Knüppel und eine Pistole. Gleichzeitig schrien sie. Ich hatte
große Anst."
Der kleine
Azad hängt sehr an seiner Mutter, die immer noch im Gefängnis
ist. Er besucht sie jede
Woche.
Manchmal bleibt er wochenlang bei ihr. Danach ist er dann bei seinem Onkel.
Er war jetzt
wieder
zwei Wochen im Gefängnis und ist vorige Woche herausgekommen. Auch
seine Freunde
sind andere,
als die seiner Altersgenossen. Seine beste Freundin ist eine Freundin seiner
Mutter
im Gefängnis,
die Freundin Dilek. Sie mag er am meisten. Wenn er groß ist, will
er Arzt werden,
um die
Kinder zu heilen.
Er wünscht
sich mit seiner über alles geliebten Mutter eng umschlungen zu schlafen,
mit ihr
Verwandte
zu besuchen und durch die Straßen zu laufen. Auf die Frage 'Warum
machst du das
nicht?'
antwortet er: 'der Staat lässt sie nicht raus.'
Am 14.1.00
hat seine Mutter Verhandlung vor dem Staatssicherheitsgericht Nr.3 in Istanbul.
Da
sie kein
türkisch kann, wird sie ihre Aussage auf kurdisch mittels eines vom
Kurdischen Institut
geschickten
Dolmetscher machen. Azad wird sie bei der Verhandlung nicht alleine lassen.
Er sagt:
'sie sollen
endlich meine Mutter freilassen.'
Nachtrag:
Laut ÖP vom 15.1. hatte sich ihre Anwältin lange darum bemüht,
dass Fatma Tokmak
ihre Aussage
vor Gericht auf kurdisch machen kann. Dies wurde drei Jahre lang abgelehnt,
weshalb
sie nicht die Möglichkeit hatte, sich vor dem Staatssicherheitsgericht
zu verteidigen. Bei
der Verhandlung
am 14.1. hat Fatma Tokmak nun vor Gericht über die Folter berichtet,
die ihr und
ihrem
Sohn angetan worden war. Ihre Anwältin forderte die Freilassung, das
Gericht lehnte
jedoch
ab.
(I., Quelle:
ÖP)