taz 18.1.2000

Eine afrikanische "Verbrecherzentrale"?

Sierra Leones Rebellen und Liberias Regierung schmuggeln Diamanten gegen Waffen. Das

steht in einem neuen Bericht, der selber nicht neutral ist

Brüssel (taz) - "Heart of the Matter" nannte der britische Schriftsteller Graham Greene seinen

1948 erschienenen Roman über Geheimdienstaktivitäten in der britischen Kolonie Sierra Leone

in Westafrika. "Heart of the Matter" heißt auch eine letzte Woche erschienene Studie einer

Koalition kanadischer Nichtregierungsorganisationen darüber, wie Verbrecher, Warlords und

Rebellen den illegalen Handel mit Diamanten aus Sierra Leone kontrollieren und daraus Profit

schlagen. Die internationalen Kampagnen gegen Diamantenschmuggel aus Afrika gewinnen

damit an Stärke, nachdem unter anderem die deutsche "Medico International" im vergangenen

Jahr die Finanzierung der angolanischen Unita-Rebellen durch illegale Diamantenverkäufe

anprangerte. Aber bei näherem Hinsehen verrät die Parallele zu Graham Greene einen realen,

dubiosen Hintergrund.

Sierra Leone exportierte 1998 offiziell 8.500 Karat Diamanten. Die in Antwerpen, dem

internationalen Umschlagplatz für Diamanten, von "High Diamant Council" registrierten

belgischen Importe aus Sierra Leone betrugen dagegen 770.000 Karat. Die Importe aus dem

Nachbarland Liberia beliefen sich zwischen 1994 und 1998 sogar auf sechs Millionen Karat

jährlich, während Liberia selbst nur eine Förderkapazität von unter 150.000 Karat hat. Und die

Elfenbeinküste, dessen Diamantenminen Mitte der 80er-Jahre geschlossen wurden, exportierte

zwischen 1995 und 1997 1,5 Millionen Karat nach Belgien. Offensichtlich findet in der Region

ein massiver Schmuggel zum Nachteil des Staates Sierra Leone statt.

Der Schmuggel, so der Bericht, ermöglichte Sierra Leones Rebellenbewegung RUF

(Revolutionäre Vereinigte Front), jahrelang Krieg zu führen. So heuerten die Buschrebllen zwei

britische Firmen an, die Anfang 1999 aus der slowakischen Hauptstadt 40 Tonnen

Maschinengewehre und Raketenwerfer lieferten - "zweifellos mit Diamantenressourcen

erworben", so der Bericht. Die auf Seiten der sierraleonischen Regierung kämpfende

westafrikanische Eingreiftruppe Ecomog verhaftete vor einem Jahr in Sierra Leone einen

israelischen Händler namens Yair Klein, der jetzt wegen "Spionage" für die Rebellen und

Waffenverkäufe an sie vor Gericht gestellt werden soll. Die Waffenverkäufe wurden über

Liberias Präsidenten Charles Taylor abgewickelt, den der Bericht beschuldigt, mittels der RUF

ein "kriminelles" Marionettenregime in Sierra Leone installieren zu wollen.

Die RUF schloss im Juli 1999 Frieden mit Sierra Leones Regierung. Diamanten waren in den

Friedensbestimmungen zentral: RUF-Führer Foday Sankoh wurde Chef einer neu gegründeten

Bergbaukommission. Die von der RUF kontrollierten Gebiete um Kailahun im Osten Sierra

Leones an der Grenze zu Liberia werden derweil zum Anbau von Opium und Kokain genutzt,

so der Bericht. "Es besteht wenig Zweifel daran, dass Liberia eine Zentrale für massive, mit

Diamanten zusammenhängende kriminelle Aktivitäten geworden ist, mit Verbindungen zu

Schmuggel und Diebstahl in ganz Afrika", heißt es. "Im Austausch für Waffen hat es der RUF

einen Outlet für Diamanten zur Verfügung gestellt und das gleiche für andere Diamanten

produzierende Länder getan. Dies fördert Krieg und gibt dem organisierten Verbrechen einen

sicheren Hafen."

Die Diamanten im Rebellengebiet werden von einfachen Schürfern aus Boden und Flussbetten

geholt. Viele Bergbaufirmen würden sie gerne selber abbauen - und einige unterstützten daher

in den vergangenen Jahren die Regierung Sierra Leones. Sie ließen sich die Vermittlung von

Militärhilfe mit Diamantenkonzessionen bezahlen. Der Bericht nennt die in Antwerpen

ansässige Firma "Rex Diamond", die Konzessionen in den wichtigen Diamantengebieten

Zimmi und Tongo hält. Ihre beiden Direktoren hätten der Regierung Rüstungsmaterial im Wert

von 3,8 Millionen Dollar vermittelt.

Die Firma "AmCan Minerals" mit Sitz in Toronto und Förderlizenzen in Sierra Leone hat, so der

Bericht, vor kurzem die südafrikanische Sicherheitsfirma "Arm-Sec International" gekauft. Und

als 1995 die südafrikanische Söldnerfirma "Executive Outcomes" von Sierra Leones damaliger

Regierung zum Kampf gegen die RUF engagiert wurde, bekam die vermittelnde Bergbaufirma

"Branch Energy" Diamantenkonzessionen mit 25 Jahren Laufzeit.

Seltsamerweise hat der Bericht an dieser Seite des Krieges wenig auszusetzen. Die Aktivitäten

von "Executive Outcomes" waren "zu einem guten Zweck", findet der Bericht, und die Hilfe der

britischen Söldnerfirma "Sandline" für Sierra Leones Regierung 1998 entgegen eines

UN-Waffenembargos sei "vernünftig" gewesen.

Überraschend ist das nicht, wenn der Leser entdeckt, dass der Bericht von "institutionellen

Geldgebern" in Großbritannien finanziert wurde, die "anonym" bleiben wollen - eine gängige

Sprachregelung für verdeckte staatliche oder gar geheimdienstliche Zuwendungen. Der Bericht

unterschlägt die Befunde einer britischen parlamentarischen Untersuchungskommission von

1998 zum Sandline-Skandal, der enge Zusammenarbeit zwischen der Söldnerfirma und dem

britischen Geheimdienst MI-6 feststellte. Er empfiehlt internationalen Geldgebern sogar, "die

gegenwärtigen Bemühungen der britischen Regierung zum Wiederaufbau der Armee und

Polizei Sierra Leones aktiv zu unterstützen".

Dennoch enthält der Bericht die wichtige Schlussfolgerung: "Unter keinen Umständen sollten

Bergbaufirmen im Gegenzug für militärische Operationen oder Waffenlieferungen

Konzessionen erhalten." Der weltweite Marktführer für Diamanten, die südafrikanische De

Beers, soll in Sierra Leone ein amtliches Ankaufbüro eröffnen, statt in den Nachbarländern

sierraleonische Diamanten zu erwerben.

François Misser

taz Nr. 6044 vom 18.1.2000 Seite 11 Ausland 183 Zeilen

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