Aus: Kurdistan-Rundbrief, Nr. 1, Jg. 13, 12.1.2000

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Brief von Mustafa Dana aus der Türkei

Im November berichteten wir über die gewaltsame Abschiebung des seit fast 20 Jahren in Erlangen lebenden Kurden

Mustafa Dana (vgl. KR 22/99 und 23/99). Heute dokumentieren wir einen Brief Mustafa Danas aus der Türkei, in dem

er den Verlauf seiner Abschiebung und das weitere Geschehen in der Türkei schildert. (M.)

Ich, Mustafa Dana, geboren am 1.1.1954, lebte von 1980 bis 27.10.1999 in Deutschland. Ich bin am 27.10.99 zum

Ausländeramt gegangen und ohne Vorwarnung plötzlich verhaftet worden. Einen Tag vorher feierte man den Tag der

Ausländischen Mitbürger. Mir hat der türkische Berater Ruhi Teksifer mitgeteilt, dass über die Probleme der

ausländischen Mitbürger diskutiert wurde und bei diesen Gesprächen sei ihm versichert worden, dass man mich nicht

verhaften werde.

Als ich am 27.10.99 mit zwei Stadträten der Grünen Liste zum Ausländeramt gegangen bin, hat man mich verhaftet und

zur Erlanger Polizei gebracht und in den Kerker gesteckt. Im Gefängnis mußte ich eine Nacht verbringen. An dem Abend

ging es mir schlecht. Als ich am nächsten Morgen früh aufstand, blutete ich aus meinem Magen und spuckte Blut. Diese

Blutung dauerte 10 Minuten lang, ich habe geklingelt, die Polizei gerufen und ihr mitgeteilt, dass ich ins WC Blut gespuckt

habe. Ohne die Tür aufzumachen, sagten sie mir, dass sie mich zu einen Arzt bringen werden. Daraufhin sagte ich ihnen,

dass mein Hausarzt nicht weit weg von hier ist. Sie sagten nochmal, dass sie mich zu einem Arzt bringen würden, haben

es aber nicht getan.

Nach einer halben Stunde kamen sie noch mal, öffneten die Tür und sagten, dass ich mich anziehen soll. Danach brachte

man mich zum Erlanger Verwaltungsgericht. In der Gerichtsverhandlung habe ich diese Geschehnisse nochmal zum

Ausdruck gebracht, aber ohne mir zuzuhören hat man über meinen Fall entschieden. Bei der Verhandlung war die

Ausländerpolizei (Mitarbeiter des Ausländeramtes) anwesend.

Nach dem Urteil wurde ich nach Nürnberg gebracht und ins Gefängnis gesteckt. Man sagte mir, ich bräuchte keine Angst

und Bedenken haben, dass mir in der Türkei etwas geschehen werde. Im Nürnberger Gefängnis bin ich eine Nacht

geblieben. Gegen 24 Uhr ging es mir moralisch sehr schlecht. Ich hatte Angst und dachte an Selbstmord.

Mit einer Konservenbüchse habe ich mir in meine Handgelenke und in den Bauch geschnitten. Zwei Jugoslawen, die

neben mir waren, holten die Wächter. Man brachte mich zum Arzt. Ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hat

man mir eine Spritze gegeben, meine Handelenke mit Desinfektionsmittel behandelt und mich nachts wieder in den

Kerker geworfen.

Am 28.10.99 morgens um 8.30 Uhr wurde ich zur Polizeiwache gebracht. Man sagte mir, dass ich in die Türkei fliegen

kann. Ich sagte dem Arzt, dass es mir schlecht gehe und dass ich unbedingt meine Medikamente brauche, die ich täglich

einnehmen muss. Der Arzt gab mir zwei Medikamente, deren Namen mir nicht bekannt waren, und sagte mir, dass diese

Medikamente bis in die Türkei reichen würden. Dort wäre dann alles vorhanden und ich könne mich in der Türkei

behandeln lassen. Eine halbe Stunde später wollte mich mein Bruder mit meinem kleinsten Kind besuchen, was ihnen

verweigert wurde. Dann hat man mich nach München ins Gefängnis gebracht. Dort musste ich eine Nacht in einem Raum

für zwei Personen verbringen. Da war auch eine türkischstämmige Deutsche dabei. Am 29.10.99 um 9 Uhr durfte ich zehn

Minuten mit meinem Bruder am Münchner Flughafen sprechen. Danach wurde ich mit einem Arzt und zwei Polizisten ins

Flugzeug gebracht.

Sie haben mich vor einem außergewöhnlichen Benehmen gewarnt: dann werden sie mir eine Narkose geben.

Nachdem wir am Slowenischen Flughafen (Lublijana) angekommen sind, mußte ich dort 12 Stunden warten. Nachts um

24 Uhr flog ich mit den selben Begleitpersonen nach Istanbul weiter. Am dortigen Flughafen wurde ich der türkischen

Polizei übergeben und ab diesem Zeitpunkt habe ich weder den Arzt noch die zwei Zivilpolizisten wieder gesehen. Die

türkischen Polizisten brachten mich zur Polizeidienststelle. Dort wurde ich die ganze Nacht verhört. Die sagten mir, dass

sie die gesamte Akte über mich in ihren Händen haben und verlangten von mir, dass ich zugeben soll, dass ich in

Deutschland Asyl beantragt habe, was ich 19 Jahre gemacht habe und wie ich dort geblieben bin. Sie haben mich unter

Druck gesetzt.

Aus Angst vor Folter (wegen meiner Krankheit) habe ich die Texte, die sie mir vorgelegt haben, bestätigt. 24 Stunden

später kamen sie in den Keller, in dem ich inhaftiert war, und sagten mir, dass ich freigelassen werde. Meine Aussagen

waren auf ein bis zwei Seiten aufgeschrieben worden und von mir wurde verlangt, dass ich unterschreibe. Ich sagte, dass

ich erst unterschreibe, nachdem ich meine Aussage gelesen habe. Daraufhin sagten sie mir: bring uns nicht in

Schwierigkeiten, unterschreibe es. Ohne meine Aussage - was auf diesen zwei Seiten Papier geschrieben stand -

gelesen zu haben, habe ich unter Druck unterschrieben. Später nachts haben sie mich freigelassen. Draußen wartete

mein Neffe, wir nahmen ein Taxi und sind zum Busbahnhof gefahren. Um diese Zeit fuhr kein Bus nach Gaziantep. Wir

mussten eine Nacht in Istanbul im Hotel bleiben. Mein Neffe sagte mir, dass in Gaziantep die Polizei bei ihm nach mir

gefragt hätte - ich solle auf keinen Fall nach Hause gehen, sondern woanders hingehen. Ich hatte keine Ausweise bei mir

und wusste nicht, was ich tun sollte.

Am nächsten Morgen bin ich zum IHD (Menschenrechtsorganisation) gegangen. Die zuständige Person sagte mir, dass

ich bis Montag warten muss. Ich erwiderte, dass ich weder Geld noch Ausweis habe. Mir wurde dann empfohlen, mich an

den IHD in Gaziantep zu wenden. Der IHD in Gaziantep sagte mir, um einen Arzt und einen Anwalt muss ich mich selber

kümmern.

So bin ich selber zu einem Arzt gegangen, um mich untersuchen zu lassen. Die Ärzte haben mich nur oberflächlich

untersucht, obwohl ich viel Geld bezahlt habe.

Zur Zeit habe ich keinen festen Wohnort, weil ich von zu Hause erfahren habe, dass die Polizei immer noch nach mir fragt.

Diese Nachrichten bekomme ich von meinem Neffen. Ich habe immer noch keine Ausweispapiere. Ich kann mich

nirgends frei bewegen. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

01.12.99 (Poststempel)

Mustafa Dana

(Übersetzung: Cafer Özdil; Quelle: Grüne Liste Erlangen, 23.12.99)