FLÜCHTLINGSRAT BERLIN
Gustav W. Heinemann Bürgerpreis 1989
Fennstraße 31
12439 Berlin
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PRESSEMITTEILUNG
Berlin, 07.09.1999
Wir sind Menschen
und wir wollen wie Menschen behandelt werden !
Flüchtlinge wehren sich:
Kundgebung gegen menschenverachtende Behandlung
Am Donnerstag, dem 9.9.99, um 11 Uhr werden eine Protestkundgebung
von Flüchtlingen vor dem Sozialamt Spandau Flankenschanze
46 und nach einer kurzen Demonstration durch die Moritzstraße
in die Carl-Schurz-Straße eine zweite Kundgebung am Rathaus
Spandau stattfinden.
Das Sozialamt Spandau ist das Amt, das federführend für
andere Bezirke Verträge mit dem DRK Berlin ausgehandelt hat,
in denen die Unterbringung auf niedrigstem Niveau mit Fremdverpflegung
statt Selbstversorgung festgeschrieben ist. Von 23 Bezirken haben
sich diesen Verträgen bislang 16 Sozialämter angeschlossen
(Ausnahmen: Kreuzberg, Charlottenburg, Wilmersdorf, Treptow, Lichtenberg,
Marzahn, Hellersdorf).
Immer mehr Menschen in Berlin sind von einer Politik betroffen,
die darauf abzielt, Flüchtlinge durch Schikanen zur Ausreise
zu bewegen. Teil dieser Politik ist die Umstellung von bisher
mindestens fünf Berliner Flüchtlingsheimen von Selbstversorgung
auf Fremdverpflegung. Eine "Versorgung", die den Bedürfnissen
der Betroffenen, insbesondere Kindern und Kranken, in keiner Weise
gerecht wird. Abgesehen von der Qualität des Essens bedeutet
die Fertigverpflegung eine Entmündigung und Isolierung der
Flüchtlinge, die nicht mehr selbst einkaufen und kochen können.
Sie bedeutet auch eine starke psychische Belastung für die
vielfach durch Krieg, Flucht und Heimunterbringung traumatisierten
Menschen.
Heimbetreiber wie das DRK-Berlin erhalten für die Vollverpflegung
mit 13,50 DM/Person/Tag fast das Doppelte von dem Betrag, den
die Flüchtlinge vorher zur Selbstversorgung in bar erhalten
haben. Hinzu kommen 21,50 DM für die Unterkunft. Insgesamt
erhält das DRK 35.DM/Person/Tag bzw. 1050.-/Monat. Für
eine Familie mit 3 Kindern sind das 5250.DM/Monat für ein
Zimmer beim DRK. Die Übernahme der Miete für eine Zweizimmerwohnung
(ca. 1.200.incl. Nebenkosten) und die Auszahlung des Sozialhilfeanteils
für Ernährung in bar (ca. 1000.DM) wird von den Sozialämtern
unter Verweis auf das "Sachleistungspinzip" verweigert.
Mehrkosten der Abschreckung von Flüchtlingen durch das Sachleistungsprinzip
beim DRK: 3000.DM/Monat für eine Familie!
Menschen, die in diesen Heimen leben, sind darüber hinaus
immer häufiger von Kürzung oder Streichung des als einzigen
Barbetrag verbleibenden monatlichen Taschengelds (80 DM), von
Verweigerung der Beihilfen für Kleidung und Verweigerung
notwendiger Krankenscheine betroffen. Den Flüchtlingen wird
durch die "Voll"verpflegung und die Taschengeldstreichung
jegliches Bargeld entzogen. Sie erhalten auch keine Fahrkarten
und werden zum Fahren ohne Fahrschein genötigt auch bei notwendigen
Ämterbesuchen. Auf diese Art werden mit Hilfe des DRK Berlin,
das drei dieser Heime unterhält, Substandards für die
menschenunwürdige Behandlung von Flüchtlingen etabliert.
In den letzten Wochen kommt es zu noch weitergehenden Maßnahmen:
Verbunden mit der Aufforderung zur "freiwilligen Ausreise"
werden mehr und mehr Flüchtlingen sämtliche Leistungen,
selbst Essen, Unterkunft und medizinische Grundversorgung vollständig
verweigert. Sie werden von den Sozialämtern unter Mißachtung
des verfassungsrechtlich geschützten Menschenwürdegebots,
des Sozialstaatsprinzips, des Rechts auf körperliche Unversehrtheit
und des Polizeirechts ohne ärztliche Hilfe gelassen, ausgehungert
und obdachlos ausgesetzt !
Den Flüchtlingen wird zur Begründung dieser Leistungseinschränkungen
unterstellt, nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland
gekommen zu sein eine Behauptung, deren Absurdität gerade
bei der größten betroffenen Gruppe, AlbanerInnen aus
dem Kosovo, auf der Hand liegt, denn sie sind vor Krieg und Verfolgung
geflohen. Offensichtlich sind Flüchtlinge hier nur auf den
Fernsehschirmen erwünscht, um ihre Schicksale als Rechtfertigung
für Kriegszwecke zu nutzen.
Die BewohnerInnen der drei DRK-Heime protestierten zunächst
mit einer Straßenblockade, Essensverweigerung und einem
Besuch in der DRK-Zentrale. Die DRK-Leitung machte daraufhin Zusicherungen,
die allerdings bisher nicht umgesetzt wurden. Im AWO-Heim Wupperstraße
in Zehlendorf traten ca. 60 Flüchtlinge in einen 7 tägigen
Hungerstreik.
Am 13. 8. fand eine Kundgebung vor der Senatsverwaltung für
Gesundheit und Soziales statt. Sozialsenatorin Hübner signalisierte
Gesprächsbereitschaft, betonte aber gleichzeitig, an ihrer
bisherigen Linie der Durchsetzung des Sachleistungsprinzips festhalten
zu wollen.
Dr. Klaus Schütz, ehemals regierender Bürgermeister
und jetziger Präsident des DRK Berlin, schrieb Ende August
an den Flüchtlingsrat: "Mein Bestreben ist es, gemeinsam
mit Ihnen einen Weg zu finden, um zur Bargeldleistung zurückzufinden."
Am Donnerstag werden Flüchtlinge und UnterstützerInnen
auf ein Gespräch mit der Leitung des Sozialamts Spandau dringen,
um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Kundgebungen am Donnerstag 9.9.99 um 11 Uhr
Ort: Sozialamt Spandau, Flankenschanze 46 (U-Bahn: "Rathaus
Spandau")
danach: Demonstration durch die Moritzstraße in die Carl-Schurz-Straße
zum Rathaus Spandau
Wir sind Menschen und wir wollen wie Menschen behandelt werden!
Wir wollen unsere Kinder als Kinder behandeln können!
Bargeld für alle! Gleiche Sozialhilfe wie für Deutsche!
Abschaffung der Fremdverpflegung und der Sachleistungen! Freie
Wahl der Unterkunft! Volle medizinische Versorgung!
Wir sind nicht freiwillig hier, sondern zur Flucht gezwungen!
Kein Aushungern und kein Entzug der Unterkunft von Flüchtlingen,
um die Rückkehr zu erzwingen! Abschaffung des Arbeitsverbotes!
Weg mit dem Asylbewerberleistungsgesetz!
Aufruf von Flüchtlingen aus den Wohnheimen des Deutschen
Roten Kreuzes (DRK): Streitstraße 5; Blankenburger Straße
141, Buchholzer Str. 34-35 und anderen Menschen, die unter die
Aushungerund Vertreibungsgesetze fallen. Unterstützt u.a.
vom Flüchtlingsrat Berlin und dem Bündnis gegen das
Asylbewerberleistungsgesetz (Karawane für die Rechte der
Flüchtlinge und MigrantInnen, Frauen-Lesben-Gruppe für
Bleiberecht, Kein Mensch ist illegal Berlin, Antirassistische
Initiative Berlin ARI, Initiative gegen das Asylbewerberleistungsge
-setz, Forschungsgesellschaft Flucht und Migration FFM) und den
Parteien Bündnis 90 / Die Grünen und PDS.
V.i.S.d.P. Flüchtlingsrat Berlin, Fennstr. 31, 12439 Berlin
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