Baseler Zeitung vom 13. August 1999
Einjähriges Arbeitsverbot für Asylsuchende bleibt umstritten
Von Dieter Leutwyler
Was SPD und Grüne in Deutschland heftig bekämpft haben,
nun aber nach dem Regierungswechsel nicht abschaffen wollen, sorgt
auch in der Schweiz für anhaltende Diskussionen: das Arbeitsverbot
für Asylsuchende. Bisher ist es auf drei Monate limitiert,
nun soll es nach dem Willen des Bundesrates auf ein Jahr ausgedehnt
werden.
Basel. Noch eine knappe Woche bleibt den Kantonen, um ihre Stellungnahmen
zu einem einjährigen Arbeitsverbot für Asylsuchende
und vorläufig Aufgenommene in Bern einzureichen. Am 19. August
läuft die Frist ab, welche Bundesrätin Ruth Metzler
für das Vernehmlassungsverfahren gesetzt hat. Dass Regierungsrätin
Rita Fuhrer (SVP, ZH) schon gestern über die zustimmende
Haltung Zürichs informiert hat, kann nicht erstaunen, versucht
doch die SVP im Hinblick auf die Wahlen schon lange, das Thema
zu besetzen.
Mit der Ausdehnung des bereits bestehenden dreimonatigen Arbeitsverbotes
auf die Dauer eines ganzen Jahres will der Bundesrat die Attraktivität
der Schweiz für Asylsuchende vermindern. Er wird dabei unterstützt
von der CVP, der SVP und der Mehrheit der FDP, die SPS dagegen
erachtet ein einjähriges Arbeitsverbot als verfehlt. SP-Zentralsekretär
Peter Peyer führte gestern auf Anfrage der BaZ aus, die Attraktivität
der Schweiz hänge nicht mit der Möglichkeit des Arbeitens
zusammen. So sei gerade in Bezug auf den Kosovo endlich mal zur
Kenntnis zu nehmen, dass die Schweiz dort über Jahre billige
Arbeitskräfte rekrutiert habe. Die Kriegsvertriebenen seien
einzig darum in die Schweiz geflohen, «weil sie hier Leute
kannten» und vorübergehend in einem Land mit Frieden
und Sicherheit leben wollten. Die Schweiz gelte als friedliebendes
Land und habe einen guten Ruf, und darüber könne man
sich ja auch freuen.
Gegen Wirtschaftsflüchtlinge
Anders sieht das Marie-Louise Baumann, die Verantwortliche für
das Asyl-Dossier im Sekretariat der FDP Schweiz: Die Attraktivität
der Schweiz habe «unter anderem» sehr wohl damit zu
tun, dass Flüchtlinge hier arbeiten dürften. Manch einer
sage sich: «Wenn ich nur drei Monate in der Schweiz arbeiten
kann, dann reicht das bei mir zu Hause schon weit.» Solchen
Wirtschaftsflüchtlingen seien mit einem Arbeitsverbot die
Schranken zu zeigen. Baumann verhehlte aber auch nicht, dass in
der FDP die Meinungen über das Verbot auseinander gehen.
Warum sollten Asylsuchende nicht arbeiten, solange sie Einheimische
nicht konkurrenzierten, fragten sich viele Freisinnige. Zu prüfen
wäre darum, ob nicht eine staatliche Stelle unter Berücksichtigung
der Arbeitsmarktlage den Asylsuchenden eine Arbeit zuweisen könnte.
Leute nicht «rumhocken» lassen
«Schutz an Leib und Leben: Ja»: So lautet der Standpunkt
der SVP. Aliki Panayides, wissenschaftliche Mitarbeiterin im SVP-Sekretariat,
ist ebenfalls der Meinung, dass ein Flüchtling schon mit
wenigen Monaten Arbeit für seine Verhältnisse viel verdiene,
selbst wenn es sich aus Schweizer Sicht um einen tiefen Lohn handle.
Billige Arbeit sei immer vorhanden, und es sei eben für manchen
Arbeitgeber auch attraktiv, billige Arbeitskräfte zu beschäftigen.
Die CVP macht sich schon seit längerer Zeit für ein
einjähriges Arbeitsverbot stark; auch ihr geht es darum zu
verhindern, dass Ausländer in der Schweiz unter dem Vorwand
der Asylsuche einer wenn auch nur befristeten Erwerbstätigkeit
nachgehen. Zusammen mit der SP fordert die CVP aber auch die Einführung
von Beschäftigungsprogrammen: «Wir können die Leute
ja nicht einfach rumhocken lassen», sagte Pirmin Kaufmann,
wissenschaftlicher Mitarbeiter im CVP-Sekretariat, auf Anfrage
der BaZ. Ein gewisser finanzieller Aufwand sei da schon erforderlich.
Damit stösst aber die CVP auf den Widerspruch der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH): «Die Kosten für die öffentliche
Hand werden durch diese künstliche Abhängigkeit nur
erhöht», glaubt SFH-Pressesprecherin Suzanne Auer. Ein
Arbeitsverbot, so Auer, habe negative soziale Folgen. Es führe
bei den Asylsuchenden zu Perspektivenlosigkeit, zum Verlust der
Eigeninitiative und zu psychischen Schwierigkeiten. Bei einem
Taggeld von bloss drei Franken sei es auch nicht verwunderlich,
wenn Asylsuchende zu Kleinkriminellen würden. Da allerdings
widerspricht Aliki Panayides von der SVP heftig: Asylsuchende
seien in den Asylunterkünften gut versorgt und nicht gezwungen,
sich auf illegale Weise über Wasser zu halten. Nicht die
fehlende Arbeit führe zum Schritt in die Illegalität.
Vielmehr handle es sich bei den Straffälligen um Personen,
die schon kriminell waren, bevor sie unter dem Titel Asylsuchende
in die Schweiz gekommen seien.
Schwarzarbeit bekämpfen
Frau Panayides lässt auch das Argument nicht gelten, mit
einem Arbeitsverbot könnte die Schwarzarbeit zunehmen. Diese
sei eben mit geeigneten Massnahmen zu bekämpfen. Dieser Ansicht
ist auch die CVP, wobei Pirmin Kaufmann klar festhält, verbesserte
Kontrollen seien generell nötig. Denn die Schwarzarbeit habe
nicht nur wegen den Asylsuchenden in nicht mehr tolerierbarem
Umfang zugenommen. Für die SP sind solche Überlegungen
sekundär: «Leben will man dort, wo man ein Beziehungsund
Arbeitsumfeld hat», sagt Peyer. Darum müsse vor Ort
schneller geholfen werden. Denn: «Wer zu Hause Arbeit und
Freunde hat, geht nicht weg.»
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