Herbert Leuninger
"Abschiebeknäste
abschaffen!"
Demonstration in Ingelheim am Samstag, den. 28.4.01
Die Mauer muß weg!
Jede
Zeit hat ihre Architektur. An nichts leichter läßt sich der
Geist einer Gesellschaft ablesen, als an ihren Bauten
Denken
wir an die monumentale Maxentius-Basilika auf dem Forum Romanum
Denken
wir an das riesige Aufmarschgelände für die Reichsparteitage
in Nürnberg
Wir
haben die Architektur der Berliner "Wir sind wieder wer"- Republik,
Zu
dieser Architektur gehört nicht nur das bombastische, 340 m lange
Bundeskanzleramt, das "Manifest einer selbstbewussten Nation",
der "Triumph des Willens, sich nicht mehr zu verstecken", sondern
auch dieses Abschiebegefängnis von Ingelheim mit seiner 5 m hohen
Mauer.
Was
für ein Symbolik!!
Was
fällt einem vor dieser Mauer ein?
Die
Berliner Mauer
An
die Berliner Mauer, die nicht nur eine Stadt teilte, sondern zwei Welten.
Nach Berlin fahren, hieß seinerzeit auch diese Schandmauer besichtigen,
eine Mauer, die das wahre Gesicht des Realsozialismus zeigte.
Hätte
man bei ihrem Fall sich ausmalen können, daß irgendwann in
dieser Republik noch einmal eine 5 m hohe Mauer errichtet würde,
die der Abschiebung und Abschreckung von Flüchtlingen dient?
Einer
von denen, die die ehemalige DDR zum riesigen Staatsgefängnis gemacht
haben, Egon Krenz hat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
in Straßburg seinen Prozeß verloren. Einstimmig befand das
Gericht, dass seine strafrechtliche Verurteilung in Ordnung war. Egon
Krenz muss nun seine sechseinhalbjährige Freiheitsstrafe weiter absitzen.
Wann
werden wohl alle die zur Rechenschaft gezogen, die das unsägliche
System der Abschiebungshaft für abgelehnte zu verantworten haben?
Natürlich, es gibt keinen Schießbefehl. Es gibt aber die Hinnahme
von Verzweiflungstaten, von Selbsttötungen, von schweren psychischen
Schäden, es gibt auch die Hinnahme von möglichen Gefahren für
Leibe und Leben bei einer Rückführung in die Heimat, es gibt
die Hinnahme der Gefahr erniedrigender Behandlung und der Verletzung der
Menschenrechte, von Folter und Todesstrafe. Dies alles steht nationalem
wie internationalem Recht , gerade auch der Europäischen Menschenrechtskonvention
diametral entgegen.
Wer
sich in diesem Zusammenhang darauf zurückzieht, jeder Mensch, der
in einem Abschiebegefängnis lande, sei rechtsstaatlich korrekt behandelt
worden, läßt wissentlich oder unwissentlich außer acht,
daß wir ein herunter gekommenes Asylrecht haben, oder zumindest
eines, das in vieler Hinsicht allgemein geltenden menschenrechtlichen
Standards nicht genügt: Ein Grundrecht, das über die unsägliche
Drittstaatenregelung jeden Flüchtling, der über einen Nachbarstaat
einreist, des Rechts auf Asyl in Deutschland beraubt. Wer dennoch versucht,
heimlich nach Deutschland zu gelangen, wird zum Unrechtstäter gestempelt.
Wir
haben ein Asylrecht, das gegen die ausdrückliche Feststellung des
UN-Hochkommissariates für Flüchtlinge an einem entscheidenden
Punkt nicht den Normen der Genfer Flüchtlingskonvention entspricht.
Das bezieht sich darauf, daß in der Bundesrepublik nur dann von
politischer Verfolgung ausgegangen wird, wenn diese vom Staat oder von
staatlichen Behörden ausgeht. Danach ist eine nichtstaatliche erfolgung
einfachhin keine politische Verfolgung. Auch die bundesdeutsche Auslegung
der Europäischen Menschenrechtskonvention bleibt hinsichtlich des
Abschiebungsschutzes hinter den Verpflichtungen aus dieser Konvention
zurück.
Wie
ganz anders sähen die Anerkennungsquoten aus, wenn die Verfolgungsschicksale
von Flüchtlingen, die aus den Krisen- und Kriegsgebieten der Welt
zu uns kommen, wirklich ernst genommen würden?
Symbol
der Fremdenfeindlichkeit
Die
Mauer von Ingelheim ist ein Symbol der Fremdenfeindlichkeit, die in unserer
Republik tief eingefressen ist. Sie äußerst sich nicht nur
in den Gewaltakten rechtsextremer Jugendlicher. Sie ist vorhanden in den
Gesetzen, dem Verhalten bei Behörden und Gerichte. Sie zeigt sich
in empörender Weise in parteipolitischen Äußerungen, etwa
in der des bayerischen Innenministers Beckstein, wenn er von den Ausländern
spricht, die uns nützen und denen, die uns ausnützen. Das zielt
auf die Flüchtlinge. In der aktuellen Diskussion um die Zunahme des
Rechtsextremismus gerät der Anteil des Staates und der Politik völlig
aus dem Blick. Jeder, der in der Flüchtlingsarbeit tätig ist,
weiß aber um das hohe Maß an Fremdenfeindlichkeit, wie sie
sich niederschlägt in den Strukturen und dem System der Flüchtlingsabwehr
und –abschottung.
Festung
Europa
Diese
Mauer vor uns ist Bestandteil der Festung Europa: und des Schengen-Regimes.
Vor
dieser Festung gibt es allerdings eine unsichtbare Mauer, noch viel höher
als die von Ingelheim und weit vorgelagert vor der eigentlichen Grenze
der EU, es ist die Mauer, die durch die Visapflicht aufgerichtet wird.
Es
gibt die Liste von etwa 130 Staaten, deren Bürgerinnen und Bürger
ein Visum brauchen, wenn sie in die Europäische Union einreisen wollen.
Auf dieser Liste stehen vor allem die Länder, aus denen möglicherweise
Flüchtlinge kommen könnten. Da diese praktisch auf reguläre
Weise keine Einreisepapiere bekommen, vertrauen sie sich zwielichtigen
Agenturen an, die ihnen echte oder gefälschte Dokumente gegen hohe
Gebühren beschaffen. Sie übernehmen auch den Transport in Containerkammern
oder auf seeuntüchtigen Schiffen. Fluggesellschaften werden von den
Regierungen kräftig zur Kasse gebeten, sollte es ihnen unterlaufen,
einen Passagier ohne ausreichende oder mit gefälschten Papieren transportiert
zu haben. Der ganze ost- und südosteuropäische Raum ist über
den Budapester Prozess einbezogen in die Flüchtlingsabwehr.
Die
Grenzüberwachung wird ständig verstärkt. Durch Hubschrauber,
Nachtsichtgeräte, ganze Hundestaffeln und Schnellboote wird die Oder-Neiße-Grenze
zur best bewachten Grenze Europas. Andere Staaten ziehen nach. Spanien
investiert rund 240 Millionen Mark in die Überwachung der Südgrenze
der EU .. U.a. sollen Radargeräte angeschafft werden, die noch in
weiter Ferne Boote ausmachen können, ohne sie mit einem Wellenkamm
zu verwechseln. Beitrittskandidaten der EU müssen nachweisen, daß
sie ihre Grenzen lückenlos überwachen können. Dafür
erhalten sie Geld und Ausbildungshilfe.
Bei
dieser Abwehrstrategie wird gar nicht mehr von Flüchtlingen gesprochen:
Der frühere Bundesinnenminister Kanther erwähnt 1998 den Aktionsplan
der EU zur Bekämpfung der Zuwanderung, u.a. aus dem Kosovo und dem
Maghreb. "Wie bereits bei der Bekämpfung der illegalen Einreise
von Kurden aus dem Irak und der Türkei in den Schengen-Raum .. geht
es erneut darum zu verhindern, dass Mittel- und Westeuropa zum Zielgebiet
eines Zustroms illegaler Migration und damit einhergehender Kriminalität
wird".
Nicht
mehr von Flüchtlingen, sondern nurmehr von Migranten, von Illegalität
und Kriminalität ist die Rede. Braucht es dann nicht ein solche Hochsicherheitsburg
wie die von Ingelheim?
Die
Posaunen von Jericho!
Die
Veranstalter haben vorgeschlagen zur heutigen Demo Instrumente mitzubringen.
Wie ich sehe, ist niemand darauf eingegangen. Es hätte uns an die
Belagerung von Jericho vor Tausenden von Jahren erinnern können.
Bedenklicherweise wiederholt sich diese Belagerung seitens der Israeli
in diesen Tagen auf dramatische Weise. Damals ging es um die Erstürmung
der Stadt und die Überwindung der Stadtmauern. Hierzu gab es den
göttlichen Befehl, 6 Tage um die Stadtmauer herumzuziehen - sicher
auch eine Form der Demonstration - und am 7. Tage in die Posaunen zu stoßen
und ein Kriegsgeschrei zu erheben. Daraufhin sollen die Maueren zusammen
gestürzt sein.
Was
haben wir gegen diese unmenschliche Mauer zu setzen ? Musik - Reden -
Umzüge und heraus geschrieene Parolen. Oskar Matzerath bringt in
der "Blechtrommel" mit seiner durchdringenden und schrillen
Stimme Gläser zum Zerspringen. Wir schrill, wie stark müßten
unsere Stimmen sein, um diese Mauer einstürzen zu lassen. Jedenfalls
sind wir da, um mit friedlichen Mitteln gegen diese hohe Abschottungswand
anzugehen. Wir erheben kein Kriegsgebrüll sondern den Schrei mißachteter
Menschlichkeit, stellvertretend für die ungezählten Menschen,
deren Klagen und der Schmerzen überhört werden, stellvertretend
für die Menschen, die hinter dieser Mauer leiden werden. Wir tun
es in der Überzeugung, daß diese Mauer keinen Bestand hat!
Abschottung und Ausgrenzung von Flüchtlingen darf keine Zukunft haben.
Das
Lärmblasenl der Posaunen und das Anschreien gegen die Unmenschlichkeit
müssen allerdings wesentlich stärker werden.. Die Tatsache,
daß sich zu dieser Demonstration viele sehr unterschiedliche Initiativen
zusammengefunden haben, ist ein weiterer Schritt zur notwendigen Vernetzung.
Zur Solidarität mit Flüchtlingen gehört eine große
Standfestigkeit und ein großes Durchhaltevermögen. Schnelle
Erfolge werden wir nicht erwarten dürfen, oder sollen wir die Tatsache,
daß die CSU davon abrückt, das Grundrecht auf Asyl ganz abzuschaffen
und zu einem Gnadenakt des Staates verkommen zu lassen, als Fortschritt
betrachten?. Wir sind nicht bereit, dies als Erfolg verbuchen zu lassen.
Nein, es ist eher das Zeichen dafür, wie tief wir in Sachen Menschenrechte
gesunken sind.
Die
Mauer von Ingelheim muß weg und mit ihr das ganze Abschottunngs-,
Abschreckungs und Abschiebungskonzept der derzeitigen Flüchtlingspolitik.
Egon Krenz dürfte nicht einmal im Träume daran gedacht haben,
daß er jemals für die Berliner Mauer zur Rechenschaft gezogen
würde. Die politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik, die
sich selbst gegen die geringste Vermenschlichung in der Asylpolitik der
EU zur Wehr setzen, erst recht nicht. Wir werden dafür sorgen, daß
dieser Tag kommt, der Tag, an dem diese Mauer in Staub zerfällt.
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