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1. OPEN-AIR-PORT
Bernd Mesovic, PRO ASYL
Rede am Flughafen Rhein-Main 8. Juni 2002
Wir sind
heute am Rhein-Main-Flughafen, der deutschen Drehscheibe für Flugabschiebungen,
zusammengekommen, um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen auf das, was sich
hinter der Hochglanzfassade dieses Terminals verbirgt. Genauer gesagt, auf das,
was Politiker und Flughafenbetreiber gerne verbergen würden.
Wir sind
hier, um an die hässliche Kehrseite dieses „Tores zur Welt“ zu erinnern, das
für manche die letzte Station vor dem Gang in ein ungewisses Schicksal darstellt.
Ganz auf
der anderen Seite des Flughafengeländes, im hintersten Winkel, neben der Kläranlage,
ist vor kurzem eine neue Hochsicherheitsunterkunft in Betrieb gegangen. Flüchtlinge
im Flughafenasylverfahren werden dort interniert. Auch diejenigen, die schließlich
an den Fallstricken dieses Verfahrens gescheitert sind und nur noch ihrer Abschiebung
entgegensehen. Die Standortwahl der neuen Unterkunft bedeutet vor allem eins:
Die Isolierung der Untergebrachten wird weitergetrieben. Kontakt mit der Außenwelt
bedeutet für sie: Bewachung durch eine private Sicherheitsfirma, menschliche
Kommunikation mit den Bediensteten des Flughafensozialdienstes und u.U. einem
Anwalt.
Das neue
Gebäude ersetzt das alte am Tor 3. Das war marode, eng, sichtlich menschenunwürdig,
aber vor allem den Verantwortlichen nicht ausbruchssicher genug und noch zu
nah am regulären Flughafenbetrieb. Früheren Demonstrationen gelang es noch,
mit den Insassen der Unterkunft aus der Entfernung Kontakt aufzunehmen.
13 Mio.
Euro hat die neue hufeisenförmige Anlage gekostet, die sich auch dem Komitee
zur Verhütung von Folter vermutlich ohne Rüge präsentieren lässt. Der Innenminister
wird froh sein: Sicher, satt und sauber verwahrt warten nun die Insassen gut
klimatisiert auf die Entscheidung über ihr Schicksal: Einreise oder Abschiebung.
Gebaut hat
die Verwahranstalt der Flughafenbetreiber FRAPORT und das Gebäude dann an das
Land Hessen vermietet. Samt Schaukel, Wippe und 10 Ahornbäumen. Kinderfreundlich
und ökologisch das Ganze: Schöner Wohnen im Internierungslager – deutsche Abschreckungspolitik
mit menschlichem Antlitz.
Wir erinnern
uns: Die Regierungsparteien SPD und Grüne hatten in ihrem Koalitionsvertrag
vereinbart, das Flughafenasylverfahren unter dem Gesichtspunkt seiner Dauer
und Verhältnismäßigkeit zu prüfen. Geschehen ist dies nicht.
Am 6. Mai 2000 erhängte sich die Nordafrikanerin Naimah Hajar in der Dusche
des alten Flüchtlingsgebäudes. Monatelang hatte man sie zwischen Abschiebehaft,
Psychiatrie und Flughafenlager hin und her geschoben. Für einen kurzen Moment
schien es so, als würde die Politik nicht nur Betroffenheit heucheln, sondern
die Konsequenzen ziehen. Politiker gaben sich am Flughafen die Klinke in die
Hand und drängten vor die Kameras. Wir halten fest: Von aller Kritik an der
Unfairness des Flughafenverfahrens, von allen Absichtserklärungen blieben lediglich
zwei Dinge: Eine veränderte Praxis des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge, die die Zahl der Menschen, die auf dem Flughafen bleiben müssen,
wenigstens reduzierte und zweitens: eine wohnlichere Internierung. Das genügt
uns nicht.
In dieser
Woche wurde das neue Gebäude 583 den Medien präsentiert. Ich finde, es braucht
einen Namen. Solche Einrichtungen sollten nach denen benannt werden, die sie
maßgeblich zu verantworten haben. Es ist dies nämlich ebenso die Otto-Schily-Internierungsanlage
mit Freigehege, wie das alte Gebäude die Manfred-Kanther-Verwahranstalt christdemokratischer
Provenienz war. Beide Gebäude sind bauliche Bekenntnisse zu einer inhumanen
Politik. Sie sind die zu Stein gewordene Gewalt des sogenannten Asylkompromisses
des Jahres 1992. Und das in ihnen stattfindende Asylverfahren ist mit seinen
kurzen Fristen eine zynische Parodie. Richter entscheiden am Ende über die Glaubhaftigkeit
von Menschen, die sie nie leibhaftig gesehen haben.
Die hessische
Sozialministerin Silke Lautenschläger fand das ganze Gebäude am Donnerstag „richtig
gut“. Vielleicht sollte man ihren Kombattantenstatus bei der Internierungspolitik
deutlich machen, indem man den Kinderspielplatz der neuen Unterkunft nach ihr
benennt. Damit bliebe auch die Mitverantwortung der hessischen Landesregierung
nicht unerwähnt.
Zu denken
ist an weitere Verantwortliche. Wie wäre es mit einer Baumpatenschaft grüner
Bundestagsabgeordneter für die 10 Ahornbäume im Innenhof. Wäre das nicht die
adäquate Erinnerung an die lasche Koalitionsvereinbarung und ihre versäumte
Umsetzung. 10 Bäume: das Riesenfeigenblatt dieses ansonsten schamlosen Internierungslagers.
Doch schon wird weiter geplant und gebaut. Gleich neben dem
Otto-Schily-Bau soll im Jahr 2003 eine Zurückweisungshaftanstalt mit 60 Plätzen
in Betrieb gehen. Im Klartext: Es kommt der Knast im Knast. Was soll noch sicherer
werden, wenn der BGS zum neuen Gebäude jetzt schon sagt: Hier kommt keiner raus?
Nicht nur
abgelehnte Asylbewerber wird man vermutlich dort inhaftieren. Auch andere Menschen,
die mit nicht ordnungsgemäßen Papieren auf dem Flughafen landen, werden sich
wahrscheinlich dort wiederfinden. Zu befürchten ist auch, dass dieser neu entstehende
Knast die zentrale Ausreiseeinrichtung für andere deutsche Flughäfen wird, der
Wartesaal für Personen mit ungeklärter Identität oder ohne Reisedokumente für
die Abschiebung.
Die FRAPORT
AG ist bei alledem nicht nur Erfüllungsgehilfe, sondern mitverantwortlich. Sie
hat die wirtschaftliche Macht und den Einfluss auf die Landespolitik, um klarstellen
zu können, dass Knäste dieser Art nicht zur Standardausrüstung eines Flughafens
gehören. Tut sie dies nicht, ist sie für das verantwortlich, was sich dort abspielt.
Noch scheint FRAPORT zu hoffen, dass es genügt, die unschönen Etablissements
und die sich in ihnen abspielenden Verzweiflungstaten im hintersten Winkel des
Flughafens zu verbergen. Doch das wird nicht genügen.
Meine Damen
und Herren vom Vorstand der FRAPORT: Für alle heute hier Zusammengekommenen
sage ich Ihnen: Täuschen Sie sich nicht. Wir sind hier, um auch an Ihre Verantwortung
zu erinnern. Und wir sagen Ihnen: Was Sie hier tun oder zulassen, kann Auswirkungen
auf Ihr Image haben. Wir haben einen langen Atem. Es ist uns nicht gleichgültig,
welche Dienstleistungen Sie erbringen und welcher Ethik Sie sich verpflichtet
fühlen.
Meine Damen
und Herren von der FRAPORT, Sie haben sich doch schon in Sachen Flughafenausbau
und Fluglärm mit der ganzen Region angelegt. Eine Zurückweisungshaftanstalt,
von Ihnen finanziert und auf Ihrem Gelände, kann mindestens ebenso rufschädigend
sein wie Ihre rücksichtlose Expansionspolitik. Es wird schon seine Gründe haben,
dass Ihre Öffentlichkeitsabteilung in Sachen Flüchtlinge abgetaucht ist. Vielleicht
haben einige bei Ihnen auch bereits begriffen, dass die Aktien der FRAPORT hochspekulative
Papiere werden könnten, wenn Sie einfach weiterwursteln. Die Gegner von Internierungslagern,
unfairen Asylverfahren und gewalttätigen Abschiebungen sind mindestens ebenso
global vernetzt wie FRAPORT.
Wir sind heute auch hier, um an Amir Ageeb zu erinnern. Vor
mehr als 3 Jahren starb er in einer Lufthansamaschine nach dem Start in Frankfurt
unter den Händen von Bundesgrenzschützern. Mit einem Integralhelm auf dem Kopf,
verschnürt wie ein Paket mit Plastikfesseln, Klettbändern und sogenannten Kabelbindern
hatte man ihn in den Sitz gepresst.
Mehr als 3 Jahre nach dem tödlichen Lufthansaflug LH 558
ist immer noch unklar, ob und wann die Vorgänge vor Gericht geklärt und die
Verantwortlichen bestraft werden. Wir sind hier, um Aufklärung zu fordern. Die
Verantwortungskette – oder genauer: die Kette der Verantwortungslosigkeiten
– muss rekonstruiert werden. Schon jetzt ist klar: Sie endet bei den beteiligten
Grenzschützern, sie beginnt nicht dort.
Warum musste
Amir Ageeb sterben? So viele Fragen wären zu stellen:
-
Warum
hatten die Verantwortlichen in Politik und BGS nach dem Tod des Nigerianers
Kola Bankole bei seiner Abschiebung im Jahre 1994 nichts dazugelernt?
-
Wer
ist dafür verantwortlich, dass die BGS’ler offenbar meinen konnten, ihr Gewaltexzess
halte sich im Rahmen dessen, was von ihnen erwartet werde?
Ageeb hat
wohl vor seinem Tod noch einen entsetzlichen Verzweiflungsschrei ausgestoßen:
Er bekomme keine Luft mehr. Warum wurde er nicht sofort entfesselt? Stimmt es,
dass die BGS’ler nicht einmal bei den Wiederbelebungsversuchen ärztlicher Mitpassagiere
kooperierten? Und schließlich: Warum ging niemand vom Personal der Lufthansa
rechtzeitig dazwischen?
Meine Damen
und Herren in verantwortlichen Positionen der Lufthansa: Hält Ihr fliegendes
Personal es schon für normal, dass Passagiere auf Ihren Flügen so behandelt
werden? Warum fehlte den Flugbegleitern die Zivilcourage, das Selbstverständliche
zu tun? Was lehren Sie in Ihrer Ausbildung? Wo beginnt die unterlassene Hilfeleistung?
Und wo beginnt möglicherweise Ihr Organisationsverschulden?
Meine Damen
und Herren vom Lufthansavorstand: An einigen Flugzeugsitzen der Lufthansa klebt
Blut. Ihr größtes Problem sind nicht die Sitzabstände in der Businessclass oder
die Konkurrenz von Billigfliegern. Ihr größtes Problem ist nicht Ihr Service,
sondern Ihre Unterlassungen – Ihr Nichtservice für Menschen im Todeskampf. Ihr
Problem ist, dass Sie nicht nur Mitglied einer Allianz elitärer Fluggesellschaften
sind, sondern einer Bloody-Alliance europäischer Fluggesellschaften angehören,
auf deren Flügen bereits Menschen gewaltsam zu Tode kamen.
Ihr Problem
ist, ob Sie es akzeptieren, dass künftig nach Anweisung des BMI mit TÜV-geprüftem
Helm und neuer Spezialfesselung abgeschoben wird. Ob Sie die Verantwortung lediglich
bei Ihren Flugkapitänen abladen, werden wir beobachten.
Sie werden
sich diesen Fragen stellen müssen. Wir werden Sie Ihnen öffentlich stellen.
Zum Abschluss
möchte ich eines klarstellen: Weder Bundesgrenzschutzbeamte noch das Lufthansapersonal
sind für uns Bestandteil eines Feindbildes. Wir wissen, dass es couragierte
Menschen unter ihnen gibt, die dann NEIN sagen, wenn es NEIN zu sagen gilt.
Und das auch, wenn der Druck ihrer Organisation oder des politischen Willens
auf ihnen lastet.
Lassen Sie
mich deshalb denen danken, die NEIN zur gnadenlosen Abschiebung gesagt haben.
Ich danke
-
den
Flugkapitänen, die die Mitnahme von Zwangspassagieren verweigert haben.
Ich danke
-
den
Grenzschützern, die in einigen Fällen Abschiebungen nicht durchgeführt haben,
weil sie kein Risiko eingehen wollten oder schockiert waren über den Zustand,
in dem die Abzuschiebenden bereits „angeliefert“ wurden.
Ich danke
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den
Beamten der Polizei außerhalb des Flughafens, die als stille Komplizen der Humanität
dafür gesorgt haben, dass Menschen rechtzeitig von ihrer bevorstehenden Abschiebung
erfuhren und ihr entgehen konnten, weil sie es nicht verantworten wollten, dass
in Folterstaaten abgeschoben wird.
Ihr NEIN ist ein notwendiger Bestandteil unserer Demokratie.
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