PRO ASYL Press Release - Presseerklärung

(partially translated)

Press release

Presseerklärung

April 16, 1999

16. April 1999

Kosovo refugees:

Kosovoflüchtlinge:

German diplomatic representations refuse

Deutsche Auslandsvertretungen verweigern

visa for family reunification

Visa zur Familienzusammenführung

PRO ASYL: immediate unbureaucratic reception required

PRO ASYL: Sofortige unbürokratische Aufnahme erforderlich


 

The Nation-wide Human Rights Association for Refugees PRO ASYL calls upon the Federal Government, to enable relatives of refugees from the former Yugoslavia living in Germany by a generous and unbureaucratic regulation on issuing visa to receive their relatives expelled from Kosovo. While until few weeks ago visa were issued occasionally, it seems now that the possibility for helping family members would be prevented by German authorities systematically. In a regulation of the Home Office Schleswig-Holstein from April 9, 1999 it is said: "Visa for Kosovo Albanians in connection with a declaration according to § 84 Aliens Law will not be issued. Corresponding declarations hasn't to be accepted by the aliens offices; The same applies to Yugoslavian nationals of Serbian ethnic origin." The Home Office of the State of North Rhine Westphalia made a similar declaration on April 12, 1999. This means in plaintext: Even if relatives living in this country or German citizens agree to meet the living costs of concerned individuals, by signing a so-called declaration on liability visa will not be issued. There will be no examination.




By this, so PRO ASYL-spokesperson Heiko Kauffmann, refugees are forced to hand over themselves to commercial refugee smugglers. For relatives in Germany couldn't be prevented by bureaucratic hurdles from their moral duty of helping their expelled family members.

From this background PRO ASYL calls upon the Foreign Office to instruct the diplomatic representations abroad... to issue visa for individuals who have close relatives in Germany.

Kommentar in der FAZ vom 25.4.


Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge PRO ASYL appelliert an die Bundesregierung, den in Deutschland lebenden Verwandten von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien durch eine großzügige und unbürokratische Regelung der Visa-Erteilung die Aufnahme ihrer aus dem Kosovo vertriebenen Angehörigen zu ermöglichen. Während bis vor einigen Wochen vereinzelt Visa erteilt wurden, scheint die Möglichkeit familiärer Hilfestellung nunmehr seitens deutscher Behörden systematisch hintertrieben zu werden. In einem Erlaß des Innenministeriums Schleswig-Holstein vom 9. April 1999 heißt es: "Visa für die Einreise von Kosovoalbanern in Verbindung mit einer Erklärung nach § 84 Ausländergesetz werden nicht erteilt. Entsprechende Erklärungen sind von den Ausländerbehörden nicht entgegenzunehmen; das gleiche gilt bei jugoslawischen Staatsangehörigen serbischer Volkszugehörigkeit." Ähnlich äußerte sich am 12. April 1999 das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Dies heißt im Klartext: Auch wenn sich hierzulande lebende Verwandte oder Bundesbürger bereit erklären, durch die Abgabe einer sogenannten Verpflichtungserklärung für die Kosten des Aufenthaltes der Betroffenen in Deutschland aufzukommen, wird kein Visum erteilt. Eine Prüfung findet nicht statt.

Damit, so PRO ASYL-Sprecher Heiko Kauffmann, würden Flüchtlinge genötigt, sich in die Hände kommerzieller Fluchthelfer zu begeben. Denn durch bürokratische Hürden ließen sich die Verwandten in Deutschland nicht davon abbringen, die den vertriebenen Familienangehörigen moralisch geschuldete Hilfe zukommen zu lassen.

Vor diesem Hintergrund fordert PRO ASYL das Auswärtige Amt auf, die Auslandsvertretungen (von Anfragen betroffen sind nicht nur die Botschaften in Tirana oder Skopje, sondern u.a. auch Auslandsvertretungen in Ungarn und in der Türkei) anzuweisen, Visa an jene Personen zu erteilen, die nahe Familienangehörige in Deutschland haben. Soweit sie in Folge von Erkrankungen oder anderer schwerwiegender Umstände hilfsbedürftig sind, soll diese Möglichkeit auch über die Kernfamilie hinaus wahrgenommen werden können.Da vielen Flüchtlingen seitens serbischer Paramilitärs die Personalpapiere abgenommen wurden, müssen die deutschen Auslandsvertretungen Ersatzreisedokumente ausstellen, ohne die eine Einreise ins Bundesgebiet nicht möglich ist. PRO ASYL bittet das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium, die hierfür erforderliche Zustimmung in solchen Fällen generell zu erklären und das Verfahren so unbürokratisch wie möglich zu gestalten.

PRO ASYL weist darauf hin, daß die Zusammenführung getrennter Familien eines der wichtigsten Elemente der Soforthilfe ist. Die überwiegend schwer traumatisierten Menschen brauchen diesen Halt.


Erlaß des Hessischen Innenministers vom 13.4.1999

3) Nach Mitteilung des Bundesministeriums des Innern ist eine weitere Übernahme von Flüchtlingen nicht beabsichtigt, entsprechende Visa - auch Besuchsvisa - werden aus diesem Grunde nicht erteilt. Ich bitte daher, bis auf weiteres zugunsten anderer sich in Mazedonien oder Albanien aufhaltender Vertriebener oder sich noch im Kosovo aufhaltender Kosovaren keine Verpflichtungserklärungen nach § 84 AuslG zum Zwecke der Einreise mehr entgegenzunehmen. Dies gilt für alle jugoslawischen Staatsangehörigen unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit und zwar auch dann, wenn diese das Staatsgebiet der Bundesrepublik Jugoslawien verlassen haben und sich beispielsweise bereits in Mazedonien und Albanien aufhalten.

Herbert Leuninger, PRO ASYL

Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung vom 25.4.1999

Meinung

Deutschland sollte viel mehr Flüchtlinge aufnehmen

Zur Entlastung von Albanien und Mazedonien

Zwei Stunden hat es auf der Limburger Ausländerbehörde gedauert, dann ist die Absage endgültig. Ernst Leuninger, Beauftragter des Bischofs für Bosnien und den Kosovo wollte einen hohen Geistlichen der Aleviten aus dem Kosovo zu einem Visum nach Deutschland verhelfen. Dazu erklärte er sich bereit, die Kosten für seinen Unterhalt zu übernehmen. Der Geistliche der islamischen Gemeinschaft, die mit den Sunniten das Glaubensbekenntnis gemeinsam hat, aber keine Moscheen kennt, war aus dem Kosovo in die Türkei geflüchtet. Von dort nahm er Kontakt mit Leuninger auf. Er hatte ihn auf dessen letzter Reise in den Kosovo kennengelernt. Die Türkei ist für Aleviten ein heißes Pflaster, gelten sie doch nicht als rechtgläubig.

Der katholische Geistliche kann nicht helfen, auch der Leiter der Ausländerbehörde in der Bischofsstadt nicht. Denn es gibt seit dem 13. April einen Erlaß des Hessischen Innenministers, wonach Flüchtlinge aus dem Kosovo oder Jugoslawien kein Visum, auch kein Besuchsvisum mehr erhalten. Begründung: eine weitere Übernahme von Flüchtlingen aus dem Kosovo über die bereits 10.000 aufgenommenen sei nicht vorgesehen.

Deutschland fühlt sich in Europa ein wenig als Spitzenreiter der Humanität, weil es ein Kontingent von 10.000 Flüchtlingen aus den drangvoll überfüllten Lagern in Mazedonien und Albanien übernommen hat. Bundesinnenminister Otto Schily hat im Rahmen der EU-Präsidentschaft versucht und versucht es immer noch, die anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft zu vergleichbaren Kontingenten zu bewegen, mit mäßigem Erfolg. Vor allem haben sich die großen Länder wie, Italien Großbritannien und Frankreich geweigert, der deutschen Initiative zu folgen. Sie hielten es für besser, die Flüchtlinge in der Nähe ihrer Heimat zu versorgen. Dann könnten sie auch schneller wieder dorthin zurückkehren. Außerdem dürfte die Poltitik der "ethnischen Säuberung" eines Milosevics nicht nachträglich noch sanktioniert werden. Dies war anfänglich wohl auch die Politik des UN-Hochkommissariates für Flüchtlinge, das weltweit über Erfahrungen solcher Vertreibungsdesaster verfügt.

Die Menschenrechtsorganisation PRO ASYL hat mit Beginn der Massenvertreibung aus dem Kosovo eine andere Politik, eine der offenen Grenzen für Flüchtlinge in der EU und auch in Deutschland gefordert. Gemeinsam sollte man sich auf Umfang und Quoten der Flüchtlingsaufnahme einigen und die Abschottung der Grenzen aufheben. In dieser Sicht kämen auf die Bundesrepublik nicht nur 10.000 sondern vielleicht 100.000 vertriebene Kosovo-Albaner, serbische Deserteure und bedrohte Roma zu. Da sich aber maßgegliche EU-Länder gegen eine anteilige Aufnahme von Flüchtlingen sperren, dürfte es schwierig sein, die deutsche Politik, und dabei insbesondere die der Länder zu einer Kursänderung zu bewegen.

Dahinter steht die Sorge, Flüchtlinge, einmal aufgenommen, würden nicht mehr oder in zu geringem Maße nach Beendigung der Krise in ihre Heimat zurückkehren. Das hat zu einer sehr zögerlichen Haltung in der Aufnahme vor allem aber auch zu einer harschen Abschiebepolitik geführt. Besonders betroffen waren in den letzten Jahren Flüchtlinge aus dem Kosovo. Deutschland hatte – trotz ausdrücklicher Krikik der Menschenrechts- und Wohlfahrtsorganisationen - mit Milosevic ein Abkommen getroffen. Dieses verpflichtete ihn aus Deutschland abgewiesene Flüchtlinge seines Herrschaftsgebietes unter Wahrung der Menschenrechte zurückzunehmen! So sind unter den jetzigen Flüchtlingen, die es in die Nachbarländer des Kosovo geschafft haben, auch solche, die Deutschland seinerzeit verlassen mußten, weil sie nicht als bedroht galten. Ihnen ist der Zugang nach Deutschland verwehrt. Dabei läge es nahe, daß ihnen durch uns zugefügte Unrecht durch eine neuerliche Aufnahme gutzumachen. Viele andere Flüchtlinge haben Angehörige, die in der Bundesrepublik ansässig geworden sind und auch unter großen Opfern bereit wären, ihre Verwandten aufzunehmen. Hier erwächst Deutschland aus jahrzehntelanger jugoslawischer Arbeitsmigration eine zusätzliche Verantwortung. Sie kann nicht einfach über Quoten abgegolten werden.

Das Flüchtlingsamt der Vereinten Nationen hat seine Strategie geändert. Der Ruf nach Übernahme von Flüchtlingen durch die westeuropäischen Staaten wird lauter und eindringlicher. Es ist von einer Notevakuierung die Rede, um nicht zuletzt den Druck von der mazedonischen Regierung zu nehmen. Sie soll damit veranlaßt werden, die Grenzen für weitere Flüchtlinge offenzuhalten. Die UN-Flüchtlingskommissarin Sadako Ogata erwartet, daß Westeuropa auf jeden Fall einmal die zugesagten Kontingente von 70.000 übernimmt. Die Bundesrepublik wird für ihre schnelle und unbürokratische Aufnahme von Kosovo-Albanern gelobt. Frau Ogata hofft, daß Deutschland mit seinem guten Beispiel auch die Bereitschaft der anderen Europäer erhöht, ihren humanitären Verpflichtungen nachzukommen. Dabei schließt sie nicht aus, daß Deutschland sein Aufnahmekontingent verdoppeln muß.

Selbst das wird voraussichtlich nicht reichen. PRO ASYL nennt seit Wochen eine Zahl von bis zu 100.000, auf die sich Deutschland aufgrund des ungeheuren Vertreibungsdruckes einstellen müßte. Bis jetzt sind 700.000 Menschen über die Grenzen geflüchtet, Hunderttausende irren noch im Kosovo selbst umher; Albanien und Mazedonien befinden sich im Staatsnotstand. Niemand kann sagen, wann der Krieg zuende und eine Rückkehr der Flüchtlinge "in Würde und Sicherheit" möglich sein wird. Es könnte lange dauern. Zeltstädte müssten in Barackenlager verwandelt werden, Infrastrukturen im Umfang von Großstädten, wären zu errichten und zu unterhalten. Das ist eine gigantische Aufgabe, die, wenn überhaupt, nur zu leisten ist, wenn die westeuropäischen Länder zur Entlastung der Region ihre Quoten deutlich erhöhen.

Frau Ogata sprach in diesen Tagen anerkennend von der großen Belastung Deutschlands durch die bosnischen Flüchtlinge. Die Leistung war sicher beachtlich, aber nicht exzeptionell. Andere, kleinere Länder wie Östereich und Schweden z.B. haben auf ihre Bevölkerung bezogen noch mehr Flüchtlinge aufgenommen. Von den 330.000 bosnischen Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen waren, sind übrigens 260.000 bereits unter mehr oder minder starkem Druck in die Föderation zurückgekehrt; damit wäre also wieder Platz.